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SCL-90-R digital auswerten

SCL-90-R – Symptom-Checkliste-90-R

Die SCL-90-R ist die revidierte Langform der Symptom-Checklisten und wird international in Forschung und Versorgung eingesetzt. Erfasst wird kein überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein Zustand: die empfundene Beeinträchtigung durch 90 körperliche und psychische Beschwerden in den vergangenen sieben Tagen. Das Manual ordnet die SCL-90-R ausdrücklich als Screening-Instrument ein – sie beschreibt das aktuelle Belastungsniveau und ersetzt keine psychiatrische Diagnostik.

Aufbau und Struktur des Fragebogens

83 der 90 Items der SCL-90-R bilden neun Skalen:

  • Somatisierung – körperliche Dysfunktionen kardiovaskulärer, gastrointestinaler oder respiratorischer Art (12 Items)
  • Zwanghaftigkeit – aufdrängende Gedanken, Kontrollzwänge, kognitive Leistungsstörungen (10 Items)
  • Unsicherheit im Sozialkontakt – Unzulänglichkeits- und Minderwertigkeitsgefühle gegenüber anderen (9 Items)
  • Depressivität – dysphorische Stimmung, Antriebsverlust, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken (13 Items)
  • Ängstlichkeit – Nervosität, Anspannung, Schreck- und Panikerleben (10 Items)
  • Aggressivität/Feindseligkeit – Reizbarkeit, Zorn, aggressive Impulse (6 Items)
  • Phobische Angst – anhaltende unangemessene Furcht mit Vermeidungsverhalten (7 Items)
  • Paranoides Denken – Misstrauen, Gedankenprojektion, Beziehungsideen (6 Items)
  • Psychotizismus – Entfremdung und Isolation bis hin zu psychotischem Erleben (10 Items)

Die übrigen sieben Zusatzitems zu Appetit, Schlaf, Todesgedanken und Schuldgefühlen bilden keine Skala, werden separat ausgewertet und gehen in die drei Globalen Kennwerte der SCL-90-R ein: GSI (grundsätzliche Belastung), PSDI (Intensität der Antworten) und PST (Anzahl der belastenden Symptome).

Durchführung

Die SCL-90-R ist bei Jugendlichen ab zwölf Jahren und bei Erwachsenen anwendbar und wird einzeln wie in Gruppen vorgegeben. Jedes Item wird fünfstufig von „überhaupt nicht" (0) über „ein wenig", „ziemlich" und „stark" bis „sehr stark" (4) beurteilt. Das Ausfüllen dauert zehn bis 15 Minuten, die Instruktion eine bis fünf. Der Bezugszeitraum der vergangenen sieben Tage ist Teil der Normierung: Wird er verändert, sind die Normen des Manuals nicht mehr anwendbar. Bei floride psychotischen Personen und bei Zweifeln am Textverständnis ist von der Anwendung abzusehen.

Auswertung und Interpretation

Die Auswertung der SCL-90-R erfolgt im Papierverfahren von Hand über Auswertungsschablonen, das Auswertungsschema und die Normtabellen des Anhangs. Jeder Schritt – Summieren, Dividieren, Übertragen, Nachschlagen – ist dabei eine mögliche Fehlerquelle. Mit einem Auswertungsprogramm wie PsyCalc verkürzt sich die Auswertung auf das Eintragen der Antworten; Rechen-, Übertragungs- und Nachschlagefehler entfallen. Die Schritte im Einzelnen:

  1. Rohwerte: Je Skala werden die Itemwerte summiert und durch die Itemzahl geteilt; zusätzlich wird ausgezählt, bei wie vielen Items eine Antwort größer null vorliegt. Die sieben Zusatzitems liefern nur einen Summenwert.
  2. Globale Kennwerte: Die Summe aller zehn Summenwerte geteilt durch 90 ergibt den GSI, die Summe der Belastungstendenzen den PST, die Gesamtsumme geteilt durch den PST den PSDI.
  3. Fehlende Antworten: Jede fehlende Antwort verringert den Divisor der Skala und des GSI. Je Skala gilt eine eigene Obergrenze zwischen einem fehlenden Item (Aggressivität/Feindseligkeit, Paranoides Denken) und vier (Somatisierung, Depressivität); über den ganzen Bogen sind bis zu 18 zulässig.
  4. Normierung: Die zwölf Rohwerte werden über eine Flächentransformation in T-Werte überführt, da die Verteilungen linkssteil sind. Zur Wahl stehen nach Geschlecht getrennte Tabellen für acht Altersgruppen von 12–14 bis ab 70 Jahren, altersunabhängige Tabellen für Erwachsene sowie eigene Normen für Studierende. Oberhalb von T = 80 wird nicht weiter differenziert.
  5. Interpretation in fünf Schritten: Zuerst die Falldefinition – als auffällig belastet gilt, wer im GSI einen T-Wert ab 63 erreicht und/oder auf mindestens zwei Skalen. Danach werden die Globalen Kennwerte und die neun Skalen am Kriterium T ≥ 60 geprüft (60–64 leicht, 65–69 deutlich, 70–74 stark, 75–80 sehr stark erhöht), anschließend bei auffälligen Skalen die Einzelitems und zuletzt die sieben Zusatzitems nach der Faustregel Itemwert ≥ M + 1 SD der Normgruppe.

Zwischen T = 40 und T = 60 liegen zwei Drittel der Normgruppe. Für Prä-Post-Vergleiche weist das Manual der SCL-90-R kritische Differenzen aus; ein erkannter „Fall" verlangt eine weiterführende Untersuchung.

Testtheoretische Analyse / Gütekriterien

Die Normen der SCL-90-R beruhen auf drei deutschsprachigen Stichproben: einer 1996 bundesweit erhobenen repräsentativen Eichstichprobe von 2.141 Erwachsenen, 857 Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren aus der Bremer Jugendstudie und 800 Studierenden. Die interne Konsistenz der neun Skalen liegt in der Eichstichprobe zwischen α = .75 (Phobische Angst) und α = .87 (Depressivität), bei den Jugendlichen zwischen .64 und .84, bei Studierenden zwischen .60 und .86; GSI, PSDI und PST erreichen dort wie in den klinischen Stichproben α ≥ .96. Die Retest-Reliabilität über eine Woche liegt an 80 Medizinstudierenden zwischen r = .69 und .92. Die faktorielle Validität der SCL-90-R bleibt strittig: In der Eichstichprobe klärt die Fünf-Faktoren-Lösung 41,6 % der Varianz auf, ohne die neun Skalen abzubilden; die Skalen korrelieren dort im Mittel zu r = .67, was das Manual als Skalenredundanz einordnet.

Franke, G. H. (2002). SCL-90-R – Die Symptom-Checkliste von L. R. Derogatis (Deutsche Version) (2., vollst. überarb. Aufl.). Göttingen: Beltz Test.

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Lea Sauerbier (Testpsychologin / Psychotherapeutin in Ausbildung)

LVR-Klinikum Düsseldorf

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Bernd Wenig (Krankenhausdirektor)

Johanniter-Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Neuwied

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